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Nathalie Sari - Tiertraining & Verhaltensberatung

Dieser Artikel wurde von TOBALIE in Zusammenarbeit mit Nathalie Sari - Tiertraining & Verhaltensberatung verfasst.

Kein Begriff wird so oft missverstanden und zu Unrecht gebraucht wie Dominanz. Kaum knurrt ein Hund, setzt sich durch oder lässt sich nicht alles gefallen, wird er als dominant abgestempelt. Doch was bedeutet dieses Wort eigentlich? Wie äußert sich Dominanz beim Hund?

Was ist die Definition von Dominanz?

Im Sprachgebrauch wird dominant oft als herrschend, herausragend, besitzergreifend oder übertreffend verwendet. Im Hundetraining werden Hunde fälschlicherweise als dominant bezeichnet, wenn sie sich durchsetzen oder ein Verhalten zeigen, welches dem Menschen nicht passt.

Das Gegenteil wäre die Unterwürfigkeit. Dies würde bedeuten, sich dem Willen eines anderen unterzuordnen. Auch dieses Wort ist bei den meisten Hunden fehl am Platz. Was viele Menschen als unterwürfiges Verhalten bezeichnen, ist meistens Unsicherheit, Angst oder Beschwichtigung, um eine Situation zu deeskalieren.

Was hat es mit der Dominanztheorie auf sich?

Dominanz ist immer ein Statusverhältnis zwischen zwei innerartlichen Lebewesen, ein Individuum für sich allein kann nicht dominant sein.

Die Rangordnungsregeln, die leider noch immer umhergeistern, wie etwa: der Mensch muss zuerst essen, zuerst durch die Türe gehen, immer vor dem Hund gehen, jedes Spiel gewinnen, sich niemals kleiner machen als der Hund oder muss den Hund gar unterwerfen, sind damit hinfällig. Vor allem der Alphawurf (aversive Trainingsmethode) versetzt den Hund in Todesangst, ruiniert die Bindung zum Menschen und lässt den Menschen als schwach und unfähig dastehen, da er Gewalt einsetzen muss, um sich durchzusetzen.

Beim Beobachten in Gefangenschaft lebender Wölfe entstand die Theorie, es gäbe einen Alpha-Wolf, der als Leittier das Rudel anführt. So hält sich auch bei unseren Haushunden noch hartnäckig die Dominanz-Hierarchie und Alphatheorie. In Wirklichkeit handelt es sich um soziale Familienverbände. Ein Rudel bilden meistens die Elterntiere, die Jährlinge (einjährige Wölfe, Jugendliche) und die Welpen.

Ist ein Hund dem Menschen gegenüber dominant?

Da Menschen bekanntlich keine Hunde sind, kann ein Hund uns gegenüber nicht dominant sein und will uns schon gar nicht unterdrücken oder die Weltherrschaft an sich reißen. Dominanz ist nichts angeborenes, sondern wird im wiederholten sozialen Kontakt zu Artgenossen erworben. Somit treten auch bei sich unbekannten Hunden keine Dominanzverhältnisse auf. Hunde leben nicht in streng hierarchischen Strukturen.

Wenn überhaupt treten solche Verhältnisse bei zusammenlebenden (enger und häufiger Kontakt) Hunden auf. Ist dem einen Hund z.B. Futter wichtig wird ihm hier der Vortritt zu dieser Ressource gewährt, während bei Spielzeug vielleicht das andere Partnertier den Vortritt hat. Treffen sich unbekannte Hunde auf der Wiese besteht kein Wissen über des Anderen Vorlieben oder Kompetenz. Die Gründe für als dominant bezeichnetes Verhalten rühren wo anders her.

Hundegeschirr Konfigurator

Dominanz bei Hundebegegnung?

Bei einer Hundebegegnung müssen sich die Tiere näherkommen, um einander einschätzen zu können. Je nach Charakter, Erfahrungen und Situation kann diese eher zurückhaltend oder aufdringlich stattfinden. Besonders forsche Hunde werden dabei fälschlicherweise als dominant bezeichnet. Meist rührt dieses Verhalten aus Unsicherheit und Lernerfahrungen (z.B., wenn ich nicht nach vorne gehe, werde ich überrannt oder nicht ernst genommen).

Führung, aber richtig

Natürlich soll dir dein Hund nicht auf der Nase herumtanzen und in gefährlichen Situationen ist es wichtig, dass du den Überblick behältst. Doch das hat nichts damit zu tun wer der Boss, Alpha, Anführer oder sonst was ist. Dein Hund soll dir schlicht und einfach vertrauen. Vertrauen, dass du in brenzligen Situationen für ihn da bist. Am besten hast du eine souveräne, ruhige Ausstrahlung und gibst deinem Liebling Sicherheit, wenn er diese benötigt. Ein unerzogenes Kind denkt schließlich auch nicht, es habe einen höheren Rang als die Eltern, sondern hat gelernt mit seinem Verhalten zu bekommen was es möchte.

Ein Hund wird immer das Verhalten zeigen, welches sich in seinen Augen auszahlt. Zeigt er also ein für dich unerwünschtes Verhalten, wurde dieses wahrscheinlich von dir, ihm selbst oder der Umwelt bestätigt. Beispiel bellen: Dein Hund möchte nach draußen, doch du beachtest ihn nicht. Er bellt einmal und du siehst sofort hin, sagst vielleicht auch „aus“ oder gehst zu ihm und schon hat der Hund was er wollte: deine Aufmerksamkeit. In Zukunft wird er also öfter bellen, wenn er etwas von dir haben möchte.

Zeige deinem Liebling ein alternatives Verhalten, denn ansonsten kann es zur Frustration kommen. Wer immer geschimpft wird, niemals gelobt und nicht weiß was von einem gewollt wird, ist nun mal frustriert. Statt bellen könntest du deinem Hund also Aufmerksamkeit schenken, wenn er leise ist oder ihn als Alternativverhalten etwas ins Maul nehmen und dir bringen lassen (so bellt es sich schwer).

Was wichtig ist:

  • Eine gute Sozialisierung ist der Grundstein, für einen selbstbewussten erwachsenen Hund.
  • Grundgehorsam, belohnungsbasiert und motivierend trainiert.
  • Erfüllte Grundbedürfnisse.
  • Sei fair und habe Geduld.
  • Lerne die Körpersprache, um Missverständnisse zu vermeiden.
  • Begegne deinem Hund immer so, wie du auch willst das er dir begegnet: mit Respekt.
spielende hunde

Fazit

In den seltensten Fällen ist Dominanz die Ursache für ein Verhalten. Ist dein Hund aufdringlich, stürmisch oder gar grob, solltest du mit ihm trainieren, nach den Ursachen forschen und ihn nicht als dominant abstempeln. Denn dies ist weder eine Entschuldigung für ein „schlechtes Benehmen“, noch die korrekte Ausdrucksweise. Hunde wollen also nicht die Weltherrschaft, sondern ein friedliches, harmonisches und glückliches Zusammeneben mit dir und den anderen Familienmitgliedern. Sie wollen kooperieren, nicht dominieren.